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Tiny Concerts III: Goya Royal + Marvpaul

24. Juli 2020 18:30 22:00

Musik im Garten der Cordobar. Maximal 30 Zuschauer sind erlaubt, Plätze können reserviert werden (cordobar@gmx.de).

Dieses mal mit Goya Royal und Marvpaul, die ihre E-Gitarren im Keller lassen und ihre sensible Seite zeigen. Mit Ukulele, Mandoline, Westerngitarren und Akkordeon, schaffen es beide Gruppen, eine märchenhafte Stimmung im Garten der Cordobar zu erzeugen!

5€

Im Kreise der Familie

Michael Kröger und seine Band „Goya Royal“ veröffentlichen ihr viertes Album

Die Furcht vor Corona-Pop ist berechtigt. Vor Verschwörungsversen eines Xavier Naidoo ebenso wie vor Solidaritätssoul einer Sarah Connor („Sind wir bereit“), die vollkommen wirr oder allzu eins zu eins die gegenwärtige Notlage ihrer Verwertbarkeit zuführen. Die Pause birgt aber auch Potenzial für den Pop, wenn sie sorgsam genutzt wird wie von Michael Kröger und seiner Band Goya Royal. Dabei hatten die Münchner Szene-Lieblinge noch Glück, blieben sie doch verschont von Infektionen und schweren Verlusten in ihren Brotberufen. Und die Studioaufnahmen mit dem Gitarristen Frank Selze, der Schlagzeugerin Karin Reuter und dem neuen Bassisten Erwin Zißelsberger für das vierte, erstmals selbstbetitelte Album waren schon vor der Kontaktsperre im Kasten; die Tournee im Herbst mit dem verehrten Kollegenfreund Tom Liwa liegt – mit gebotenem Abstand – auch im Bereich des Möglichen.

Den Stillstand dazwischen nutzte Kröger zu Hause in Gröbenzell, um mit dem Material für die Platte zu spielen. Diese fast fertigen Song-Bausteine aus der „Flohmarktkiste der Popkultur“ schüchterten ihn beinahe ein, so gut schienen sie ihm gelungen, diesmal „von A bis Z“ kollektiv eingespielt und daher besonders groovend: zwei Ukulelen und ein Keyboard so schön neben der Spur, dass sie einheitlich scheps vorantänzeln; oder Krögers Gitarre und die von Selze sich so innig umschmeichelnd, dass er Hemmungen hatte, darüber zu singen. Doch er nahm sich die Zeit, die er nun einmal hatte, um am Mix des Albums ebenso vertieft zu basteln wie an einem Video zur ersten Single, ohne den Do-it-Yourself-Charme zu verhübschen: Für „Algorithmus“ malte er mit Wachsstiften eine kindlich-naive Wohnzimmerwelt, mit der Schere schnitt er Augen und Mund aus deren Bewohnern aus, um sie mit Papierstäbchen zum Leben zu erwecken. Fein gemacht, würde jeder Kunsterzieher loben.

Kröger impfte das Album noch mit dem Instrumental „Virus is a language from outer space“ (ein Spiel mit einem Titel von Laurie Anderson). Ansonsten hielt er Corona inhaltlich auf Abstand. Es reicht ja schon, dass man im allgegenwärtigen Sinnieren ohnehin fast alles auf die und aus der Krise bezieht. „Algorithmus“ zum Beispiel fing bei dem Computer-Wort an, in dem der Rhythmus schon innewohnt, es wurde zu einem beschwingten Beat-Stück samt Kommando „Tanz den Algorithmus“ und umspielt so Krögers teils etwas paranoide, teils ironische Betrachtungen zum digitalen Offenbarungseid der Bürger und der Datensammelleidenschaft der Wirtschaft („Wir hören dir gerne zu, wenn du mit deiner Freundin schläfst“).

Aber verstärkte eben nicht in der Isolation jeder per App-Bestellung gestillte Appetit, jede gestreamte Ablenkung das Bewusstsein für die Annehmlichkeiten und Abhängigkeiten in der maßgeschneiderten virtuellen Welt? Michael Kröger, der seine Platten am liebsten beim örtlichen Laden Optimal kauft, die Songs seines Albums aber zunächst spannungssteigernd auf der Online-Plattform Bandcamp veröffentlichte, ist klug genug, sich nicht festzulegen. Wie schief das gehen kann, sieht man in „Ungeheuer. Wichtig“, einer sich am kühlen Eighties-Rockballaden-Sound labenden Nummer. In der rennt Kröger (Hauptberuf: Sozialpädagoge) mit seiner Überspitzung eines einst omnipräsenten Tim-Bendzko-Hits offene Türen ein, indem er in die Rolle eines – natürlich SUV fahrenden – Egoisten schlüpft: „Warum soll gerade ich verzichten? Ich muss eben noch die Welt vernichten.“

Weitaus origineller nimmt er ein anderes Feindbild aufs Korn: „Freunde sind wie ein Auffahrunfall, sie blinken schon, doch du bremst viel zu spät.“ Sie insistieren, pädagogisieren, erzählen unwitzige Witze, moralisieren, machen aber selbst, was sie wollen – diese Abrechnung ist umso amüsanter für jene, die Kröger kennen und die Leute, in deren Gesellschaft er Pop-Konzerte aller Art mit beruflichem Interesse besucht. „Man kennt sie eben von zu Hause und sie wissen viele peinliche Geschichten über einen“, man werde sie daher nicht so einfach los, erklärt er. Kurz: „Die bleiben einem wie Familienmitglieder.“

Ohnehin ist „Goya Royal“ ein Familienalbum. Wir reisen mit dem Melancholiker Kröger soulig zurück in seine Kindheitsfantasie, als der Grünstreifen des Hinterhofs zum Abenteuerdschungel wurde, bedroht allein vom Vater mit dem „Rasenmäher“. Wir begleiten ihn in einem thematisch an Simon & Garfunkels „Homeword Bound“ angelehnten Stück ins Hinterland von Kamp-Lintfort auf der Heimfahrt zu seinem Elternhaus mit dem „911“, womit kein Porsche, sondern eine Buslinie gemeint ist. Auch hier zwischen Eicker Wiesn und Niephauser Feld beschwört er im Gitarrensound, den ein Digital-Effekt auf rückwärts dreht, eine konkrete, und doch als irreal gefühlte Welt herauf, in der das Fremde ihn taxiert. Wer hier vom Fahrscheinautomaten, der kein Wechselgeld gibt, eine Linie zum Algorithmus zieht, geht keiner Verschwörungstheorie auf den Leim, sondern seinem Innersten auf den Grund.

MARVPAUL sind Mitbegründer der Münchner Schule – eine Mischung aus mal mehr mal weniger melodiösen deutschsprachigem Sprechgesang vor greller Gitarre oder 80s Synths getrieben von groovigen Bass und Schlagzeug. Klingt als hätten Tocotronic und Kraftklub ihr Adoptivkind in München aufwachsen lassen um dort die Musikszene wiederzubeleben.

https://marvpaul.bandcamp.com/